Mittwoch, 21. November 2018

Die funkelnden Paillettenfledermäuse




„Früher waren es viele, jedoch heute gibt es auf der ganzen Welt
nur noch acht von ihnen“, sagte Irmgard, die Großmutter von
Michael, mit leiser Stimme. Irmgard saß in ihrem Schaukelstuhl
und die Kinder im Halbkreis um sie herum. Alle lauschten
gespannt der Geschichte, während draußen der Schnee in
dicken Flocken fiel und das Feuer im Kamin eine wohlige Wärme
in den Raum brachte. Michael kannte die Geschichte schon
seitdem er ein kleiner Junge war. Die Geschichte der funkelnden
Paillettenfledermäuse - doch er hörte sie immer wieder gern.
„Die Menschen fingen an sie zu jagen, als sie merkten, dass
sich Wünsche erfüllen, wenn man sie fängt. Aber damit sich der
Wunsch erfüllt, muss man sie töten, denn der Glitzerstaub einer Fledermaus reicht für einen Wunsch“, fuhr die Großmutter mit leiser Stimme fort. Annika, die kleinste Schwester von Michael, schrie entsetzt auf: „Warum machen Menschen so was? Man kann doch nicht einfach eine Fledermaus töten.“ Irmgard sah Annika lange an. „Weißt du, meine Kleine, manche Menschen waren von dem Wunsch nach Reichtum, Schönheit und Glück so
besessen, dass sie nicht darüber nachdachten, welche
Grausamkeiten sie taten. Andere taten es jedoch aus purer
Verzweiflung, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wussten.
Die Großmutter schwieg einen Augenblick und bevor sie fortfuhr
trafen ihre Augen die von Michael und er wusste, dass sie beide
in diesem Moment dasselbe dachten. Michael schauderte es.
Wenn er eine von den funkelnden Paillettenfledermäusen
fangen würde, dann würde er sie auch töten, nur für seinen
größten Wunsch. Den Wunsch, dass seine Mutter wieder gesund
werden würde.
Die Mutter von Michael lag seit Wochen in ersten Stock in ihrem
Bett und ihr ging es jeden Tag schlechter. Es gab keinen Saft,
oder keine Tabletten, die ihren Zustand verbesserten und jeder
Arzt, der ins Haus kam, verließ es kopfschüttelnd und mit
traurigen Augen. Es gab keine Hoffnung und so sehr Irmgard,
Michael und seine anderen drei Geschwister auch beteten und
wünschten, wusste jeder, dass das Ende nahte. Michael war mit
seinen 15 Jahren der älteste der vier Kinder und seitdem sein
Vater vor fünf Jahren gestorben war, hatte er größtenteils
dessen Rolle übernommen. Er kümmerte sich tagsüber um
alles, half seiner Mutter und der Großmutter, sorgte für seine
Geschwister und das Haus. Seitdem seine Mutter krank
geworden war, saß er nachts an ihrem Bett, hielt ihre Hand und
erzählte ihr leise Geschichten von fremden Ländern und
Abenteurern, weil er wusste, dass sie solche Geschichten liebte,
genau wie er. Manchmal lächelte sie, aber viel öfter sah sie ihn
an und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Sie weinte vor
Angst. Nicht einmal aus Angst vor ihrem eigenen Tod, sondern
vor der Angst ihre Kinder, die sie so sehr liebte, verlassen zu
müssen. Und auch wegen ihrer Schmerzen und weil sie nichts
dagegen tun konnte. „Mach dir keine Sorgen, Mama. Wir
schaffen das schon“, sagte er dann immer leise und musste,
während er das sagte, aufpassen, dass seine Stimme nicht
brach und sie seine Trauer hörte. Denn beide wussten, dass er
log.
Heute Abend war es besonders schlimm, denn morgen war
Weihnachten und Michael wollte sich gar nicht ausmalen, wir
traurig das Fest dieses Jahr werden würde, welches sonst der
schönste Tag im Jahr für sie alle war. Normalerweise ging er früh
morgens mit seinen Geschwistern in den Wald, um einen Baum
zu schlagen. Sie zogen ihn dann alles zusammen unter lautem
Lachen nach Hause, wo seine Mutter mit der Großmutter und
den Kindern dann heißen Kakao machte. Danach schmückten
alle zusammen den Baum und sie sangen Weihnachtslieder.
Seine Mutter hatte eine wunderschöne Stimme und tanzte
während des Singens um den Baum. Irgendwann tanzten und
sangen alle und Arnd, sein jüngerer Bruder spiele dazu auf der
Flöte. Sie aßen und redeten miteinander, erzählten sich die
Weihnachtsgeschichte und vergaßen an diesem Tag alle Sorgen.
So war es normalerweise. Morgen würde es anders sein.
Als Michael sah, dass seine Mutter eingeschlafen war, verließ er
leise das Zimmer, zog sich seine dicke Jacke an, setzte seine
Mütze auf und schlang sich seinen Schal um den Hals. Er
stapfte durch den hohen Schnee um das Haus herum. Es hatte
aufgehört zu schneien und der kalte Wind blies ihm ins Gesicht.
Michael aber bemerkte es kaum. Seine Trauer und seine
Hilflosigkeit betäubten ihn. Er fühlte sich wie hinter einer
durchsichtigen Wand und setzte sich auf die Bank hinter dem
Haus. Er sah, wie klar die Sterne leuchteten und er versuchte
sie zu zählen, um sich von seiner Trauer abzulenken. Michael
saß oft hier, gerade abends, wenn die anderen schliefen. Er
brauchte diese Momente, um sich zu sammeln und Kraft zu
schöpfen, damit er vor seiner Mutter, Irmgard und vor seinen
Geschwistern stark sein konnte. Hier konnte er weinen. Hier
konnte er seinen Gefühlen freien Lauf lassen und wenn seine
Tränen versiegt waren, dann ließ auch das betäubende Gefühl
wieder nach. So saß Michael da und weinte wie jeden Abend.
Sein Körper bebte und er schluchzte in seinen Schal. Michael
vergrub sein Gesicht in seine behandschuhten Hände, bis er
plötzlich das Gefühl hatte nicht mehr alleine zu sein. Es
schauderte ihn und er blickte hoch. Keiner war zu sehen. Er
schaute nach rechts und nach links, aber er konnte keinen
anderen Menschen ausmachen. Dann wanderte sein Blick
neben ihn auf die Bank. Er traute seinen Augen kaum, aber dort
auf der linken Seite, direkt neben ihm, saß sie und schaute ihn
an. „Das kann doch nicht wahr sein“, dachte Michael, „Das
träume ich nur.“ Aber auch nachdem er sich die Augen zum
fünften Mal gerieben hatte, saß sie noch immer dort. Er war sich
sicher. Es war eine funkelnde Paillettenfledermaus. Sie war etwa
so groß wie seine Handfläche und anstatt des brauen Fells, das
normale Fledermäuse am Körper tragen, war sie über und über mit funkelnden paillettenartigen Schuppen bezogen. Sie
leuchteten in Gold und Silber und sie selbst schien von innen zu leuchten. Michael hatte nie zuvor etwas Schöneres gesehen. Er starrte nur auf sie hinab und war wie gelähmt. Sein größter Wunsch wurde ihm erfüllt. Er konnte seine Mutter retten. Er erwachte aus seiner ersten Verwunderung und griff zu. Er hielt sie ganz fest in beiden Händen, denn sie durfte ihm nicht entwischen. Michael rannte ins Haus, das inzwischen dunkel war. Die Großmutter hatte ihm nur im Treppenhaus eine einzelne Kerze brennen gelassen. Er nahm die Fledermaus nun fest in die rechte Hand, die Kerze in die linke und ging so schnell es ging die Treppe nach oben in sein Zimmer. Dort angekommen verriegelte er das Fenster und die Tür, so dass die Fledermaus keine Gelegenheit haben würde, ihm zu entwischen und stellte die Kerze auf dem Schreibtisch ab. Dann setzte er sich auf sein Bett und hielt die Paillettenfledermaus vor sein Gesicht. Diese hatte ihren Gesichtsausdruck, seitdem er sie vor
dem Haus das erste Mal sah, nicht verändert. Sie beobachtete
ihn mit großen, weisen Augen und machte keine Anstalten sich
aus Michaels festem Handgriff zu befreien. „Wie willst du es
machen?“, hörte Michael plötzlich eine Stimme. Er erschrak und
guckte sich im Zimmer um. „Hier ist keiner außer dir und mir,“
hörte er die Stimme erneut. Er sah die Fledermaus irritiert an.
„Sprichst du mit mir?“, fragte er staunend. „Aber natürlich
spreche ich mit dir, Michael. Du bist der, der mich töten wird,
deswegen wüsste ich gerne, wie du es machen willst.“ Michael
setzte die Fledermaus erschrocken auf dem Bett ab und wich
ein Stück zurück. Sie streckte ihre Flügel, und erhob sich in die
Luft. Die Fledermaus drehte eine Runde im Zimmer und
während sie durch die Luft gleitete, schien es, als zöge sie einen Schweif aus feinem Glitzerstaub hinter sich her, der funkelnd zu Boden fiel. Sie landete auf dem großen Holzschrank gegenüber von Michaels Bett und blickte auf ihn hinunter. Michaels Gedanken rasten. „Ich habe darüber nicht nachgedacht“, antwortete er leise. Das stimmte, Michael hatte sich zwar nichts sehnlicher gewünscht, als eine Paliettenfledermaus zu finden, aber über das Töten hatte er nie nachgedacht. Er hatte noch nie etwas getötet. Michael hatte seinen Vater zwar schon beim Hasenjagen begleitet, aber dadurch, dass der alleine lebende Nachbar sie mit Fleisch versorgte und die Großmutter im Gegenzug für ihn kochte, war ihm das Jagen und damit verbundene Töten bisher erspart geblieben.
„Das solltest du dir aber überlegen“, hörte er die Stimme und Michael wurden bewusst, dass er sie mehr in seinem Kopf hörte als durch die Ohren. Auch sah er, dass der Mund der Fledermaus sich nicht bewegte. „Das kann doch alles nicht wahr sein“, dachte er und die Stimme erwiderte: „Doch Michael, das ist wahr. Ich sitze hier
vor dir und Du bist ein Mensch, der einen Wunsch hat. Ich kenne
die Menschen. Sie sind egoistisch und denken nur an ihr
eigenes Leid. Sie sehen nicht das große Ganze. Die Menschen sehen ihre eigenen Sorgen als die einzigen, die zählen. Es ist egal, wie klein oder groß das Leid ist. Jeder hat die angeblich größten Sorgen, welche ihre Gedanken besetzen. Viele meiner Brüder und Schwestern mussten sterben. Viele aus Gründen, die für Wesen wie mich unverständlich erscheinen. Frauen hatten den Wunsch, schöner zu sein, Männer haben sich mehr Stärke oder Macht gewünscht und Kriegen, die sinnlos waren, wurden der Sieg gewünscht. Dafür mussten meinesgleichen sterben, weil Ihr Menschen herausgefunden habt, dass durch unseren Tod eure Wünsche erfüllt werden.
Jeder Mensch denkt nur an sich, niemals an andere und jetzt sitze ich hier vor dir und frage dich, wie Du dir deinen Wunsch erfüllen willst. Den Wusch, dass deine Mutter nicht sterben muss. Ich spüre, der Tod
steht schon vor der Tür. Du hast nicht mehr viel Zeit. Also denke schnell.
“ Die Fledermaus redete ruhig und bedacht, dennoch
hörte Michael die Bitterkeit in ihrer Stimme. Er sah die
Fledermaus an und dachte nach. Er dachte an verschiedene
Möglichkeiten, wie er dem Tier das Leben nehmen könnte und
verwarf sie alle im selben Augenblick wieder. Er saß wie
versteinert auf seinem Bett und war so hilflos wie nie zuvor. In
ihm klangen die Worte der Fledermaus: „Menschen sind
egoistisch und denken nur an ihr eigenes Leid.“
„Ich denke nicht nur an mein Leid“, schrie es plötzlich aus ihm
hinaus. „Ich denke an meine Großmutter und an meine
Geschwister. Was soll aus uns werden, wenn meine Mutter nicht mehr bei uns ist? Ich habe solche Angst. Ich liebe sie so sehr.
Ich dachte ich würde alles für sie tun und jetzt weiß ich gar
nichts mehr.“ Michael fühlte sich hin und her gerissen. Abermals
stiegen die Tränen in seine Augen. Er fühlte sich als Versager.
Als Nichtsnutz. Er konnte jetzt seiner Mutter das Leben
schenken und doch konnte er es nicht. Die Paillettenfledermaus blickte stumm auf den Jungen hinab, der so sehr mit sich selber
kämpfte, und sagte nach einiger Zeit: „Erzähl mir von ihr, erzähl
mir alles, woran du dich erinnerst.“ Michael sammelte sich und
fing dann an zu erzählen. Er sprach von früher, als seine Mutter
ihm auf ihrem Schoss Geschichten von weiten Ländern erzählte.
Wie sie ihn früh lehrte zu lesen und zu schreiben und wie sie
Michael und seinen Geschwistern Heilsalbe auf die Knie und
Ellenbogen schmierte, wenn sie sich beim Toben verletzten und
wie sie ihnen die Stirn küsste, wenn sie Kopfschmerzen hatten.
Er beschrieb der Fledermaus die Lieder, die seine Mutter sang,
für jede Stimmung hatte sie welche in ihrem Kopf und davon,
dass sie nie schimpfte. Seine Mutter hatte tatsächlich niemals
geklagt oder geschimpft. Ganz egal, was er, Annika, Peter oder
Arndt angestellt hatten. Als der Vater gestorben war, hatte sie
die drei Kinder mit ihrer Liebe aufgefangen und dafür gesorgt,
dass es ihnen weiterhin gut ging, ohne sich zu beklagen.
Michael erzählte viele Stunden lang. Er sprach, und die
Paillettenfledermaus
unterbrach ihn kein einziges Mal. Sie saß
auf dem Schrank und hörte Michael stumm zu. Sie beobachtete,
wie er dort im Kerzenschein auf seinem Bett saß und mal lachte
und dann wieder weinte, während er die verschiedenen
Erinnerungen wiedergab, die er an seine Mutter hatte. Als
Michael fertig war, war es weit nach Mitternacht. Er blickte
hinauf zu der Fledermaus und sah ihr in die großen Augen. „Ich habe nichts Wichtigeres als sie in meinem Leben. Verstehst du das?“ Die Fledermaus nickte. Michaels Miene versteinerte sich.
Seine Stimme wurde noch leiser und stockend brach es aus ihm
heraus: „Trotzdem kann ich dir nichts antun. Ich habe kein Recht
dazu, ein Leben gegen ein anderes einzutauschen. Ich weiß,
dass ich dich gehen lassen muss und ich weiß auch, dass ich
mich den Rest meines Lebens dafür hassen werde. Aber noch
mehr würde ich mich hassen, wenn ich so egoistisch wäre, wie
die Menschen, die du mir beschrieben hast. Kein Mensch auf der
Welt, hat das Recht, über andere Lebewesen zu bestimmen.
Erst recht nicht über dessen Tod, nur um sein eigenes Leid zu
mindern.“ Michael schwieg nun und die
Paillettenfledermaus
runzelte ihre kleine Stirn, spreizte erneut die Flügel und
schwebte hinunter in Michaels Hand. Jetzt funkelte sie mehr als
zuvor und ihre großen Augen sahen Michael verwundert an. „Du
bist ein sehr schlauer junger Mann, Michael“, sprach sie, „Das
Schicksal hat für jeden Mensch seinen Weg vorgeschrieben. So hart und so bitter manche Pläne des Schicksals sind, es hat
immer einen Grund. Meistens versteht man den Grund erst sehr
viel später, manchmal vielleicht auch gar nicht. Aber trotzdem
kann man dem Schicksal nicht ausweichen.“ Michael nickte und
sagte unter Tränen:“ Ich werde lernen mein Schicksal
anzunehmen. Er erhob sich vorsichtig vom Bett. Mit der
Fledermaus in der Hand ging er hinüber zum Fenster und
öffnete es. Der kalte Wind der sternenklaren Nacht zog in das
Zimmer und löschte die Kerze, die noch immer auf dem
Schreibtisch brannte. Es war ihm egal. Das Leuchten der
Fledermaus erhellte den Raum soweit, dass er sie ansehen
konnte. „Flieg schnell weg, flieg zu den anderen und lass dich
nicht fangen“, sagte er und die
Paillettenfledermaus nickte
kaum merklich und erhob sich leicht flügelschlagend sanft von
Michaels Hand. Ohne ein weiteres Wort verschwand sie in die
Nacht und Michael sah ihr mit Tränen in den Augen hinterher.
Ihm war, als würde er innerlich zerbrechen. Er sackte zu Boden
und saß rücklings unter dem offenen Fenster in dem nun
rabenschwarzen Raum. Er weinte jetzt alle Tränen der Welt,
denn er hatte das Schicksal seiner Mutter soeben besiegelt.

Plötzlich, von einem Moment auf den Anderen, erhellte sich die
Dunkelheit und Michael blickte auf, erhob sich und sah aus dem
Fenster. Am Nachthimmel kam etwas leuchtend Helles auf das
Haus zu und nährte sich seinem Fenster. Nach wenigen
Sekunden, konnte er erkennen was es war. Es waren alle acht
verbliebenen
Paillettenfledermäuse
und eine einzelne führte sie
an. Sie flogen alle in sein Zimmer, das in diesem Moment in
Gold und Silber erstrahlte. Michael hörte acht zeitgleich
sprechende Stimmen und sie sagten wie eine: „Michael, du bist
seit Jahrhunderten der erste Mensch, der keine von uns aus
Egoismus, Habgier oder Eitelkeit das Leben genommen hat. Wir
hatten den Glauben an das Gute in den Menschen fast verloren,
doch du hast uns gezeigt, dass Menschen verstehen können,
dass nicht sie an erster Stelle stehen. Du hast bewiesen, dass
auch ihr Menschen sehen könnt, dass jedes Lebewesen das
Recht hat zu leben und glücklich zu sein. Wenn nur ein Mensch
es schafft, seine Gedanken zu ändern, dann hat er die
Möglichkeit die ganze Welt zu ändern und somit das Schicksal
aller Lebewesen. Deshalb haben wir uns entschlossen, heute
Nacht dein Schicksal zu wenden. Wenn alle verbleibenden
Paillettenfledermäuse in der Heiligen Nacht zusammen finden
und sich alle dazu entschließen ein Wunder zu vollbringen, dann
wird dieses Wunder geschehen. Du hast uns mit deinem
Großmut das Recht dazu gegeben. Bringe uns nun zu deiner
Mutter.“
Michael liefen die Tränen der Dankbarkeit aus dem Gesicht und
er rannte so schnell wie noch nie zur Tür, über den Flur in das
Zimmer seiner Mutter. Die
Paillettenfledermäuse
flogen wie ein
leuchtender Ball hinterher und sammelten sich im Kreis über
dem Bett, wo Michaels Mutter, blass und schwer atmend,
schlief. Es erklang ein leises Summen und die Fledermäuse
hoben und senkten sich im Kreis. Glitzerstaub rieselte von den
kleinen Körpern auf seine Mutter herab und Michael
beobachtete mit pochendem Herzen, wie sich das bis eben
noch vor Schmerz verzerrte Gesicht seiner Mutter entspannte
und sie leichter atmete. Kurz darauf verstummte das Geräusch
und Michael öffnete instinktiv das Fenster. Die Fledermäuse
flogen hinaus, nur seine
Paillettenfledermaus
setzte sich noch
einmal in Michaels Hand und sagte: „Wir beide werden uns nicht
wiedersehen, jedoch wenn der Egoismus der Menschen sich in
Grenzen hält und mehr Menschen lernen, so wie Du zu denken,
dann werde ich noch da sein, wenn deine Enkel längst
gestorben sind. Ich werde nie vergessen, dass es einen
Menschen gab, der uns
Paillettenfledermäusen gezeigt hat,
dass Menschen voller Liebe sein können. Liebe zu sich, zu
anderen - und ihr eigenes Leid nicht immer über das Leid der
anderer stellend. Dafür danke ich dir.“ Das waren die letzten
Worte, die Michael von der funkelnden
Paillettenfledermaus
hörte, bevor sie davon flog und in der Nacht verschwand. Noch
niemals in seinem Leben hat Michael so eine tiefe Dankbarkeit
für jemanden empfunden. Er ging hinüber zu dem Bett seiner
Mutter. Michael streichelte ihr über das Haar und legte sich
neben sie. Er schlief sofort ein.
Michael wurde am nächsten Morgen durch lautes Poltern auf der Treppe geweckt. Er setzte sich erschrocken auf und schon in diesem Moment standen Annika, Arndt und Peter in der Tür zum Schlafzimmer seiner Mutter. „Komm schnell mit runter“, rief Annika und zog in an seiner Hand aus dem Bett, geradewegs die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Was Michael dort sah, ließ ihn die Trauer, das Leid und die Sorgen der letzten Wochen in dieser Sekunde vergessen. In der Mitte des Raumes stand der schönste Weihnachtsbaum, den er jemals gesehen hatte, doch der war nichts gegen die Schönheit des Gesangs, der von seiner Mutter kam, die soeben begann den Baum zu schmücken. Als
sie ihn sah, kam sie mit offenen Armen auf ihn zu, drückte
Michael voller Liebe an sich, küsste ihm auf die Stirn und
flüsterte dann mit sanfter Stimme: „Danke Michael, danke für
dieses Wunder und Frohe Weihnachten.“

Ende

Mittwoch, 7. Juni 2017

Ich glaube darum geht es….





Geht es im Leben darum, immer die beste zu sein?
Sich zu vergleichen? Bin ich schöner, schlauer, lustiger?
Geht es darum, die höchste Punktzahl zu erreichen, oder darum wie viele angebliche Freunde ich habe, die nicht einmal meinen zweiten Vornamen wissen?
Geht es darum, wen du damals geküsst hast, oder welcher Name heimlich in deinen Poesie Album stand?
Geht es darum, wie viel Geld du verdienst und darum was du dir alles leistet?
Geht es um deine Schulbildung, deine Haarfarbe, oder die Marke auf deiner Kleidung?
Geht es darum, ob du beliebt bist oder nicht.


Geht es wirklich darum im Leben?


Oder geht es eventuell darum, man selber zu sein?
Geht es um Freude, Mitgefühl und Nächstenliebe?
Geht es darum, glücklich zu sein und anderen das auch zu wünschen?
Geht es darum, Neid zu verlernen und anderen etwas gönnen zu können?
Aufzuhören andere als Konkurrenten zu sehen?
Geht es darum, Menschen so zu sehen, wie sie sind und nicht danach zu beurteilen, was sie haben.
Und geht es nicht darum, zu lieben und dankbar für die liebe zu sein, die wir bekommen?


Ich glaube darum geht es….

Donnerstag, 26. Januar 2017

Der Tanz



Wenn ich jetzt zurückblicke, habe ich Sie schon lange gespürt. Ich habe gemerkt, wie Sie wieder zu mir kommt, wie Sie sich wieder in mein Leben schleicht.
Leise anfangs, zaghaft, manchmal energischer, aber ich habe es verdrängt.
Ich wollte ihre Anwesenheit nicht wahrhaben. Sie vergessen. Für immer vergessen. Wir hatten unsere Zeit. Eine aufreibende, schmerzliche, tiefe und brutale Zeit. Eine Zeit, die sich tief im meine Seele eingebrannt hat. Sie hat mich gequält, mein Innerstes nach außen gekehrt, mich zerrissen, aufgeschnitten und wieder zusammengesetzt. Sie hat mich fast getötet, aber dann vor dem Untergang gerettet. Sie hat das Letzte von mir genommen und mir dennoch alles gegeben - und irgendwann waren wir fertig miteinander. Nicht einfach so, sondern durch Erkennen, Reden, Fühlen, Durchleben. Immer wieder hat Sie mich geprüft, ob ich ohne sie existieren kann - und irgendwann konnte ich und wollte es! Ich habe sie gehen lassen und sie wollte es auch so. Ich dachte es wäre ein Abschied für immer.

Dann habe ich sie aus meinem Bewusstsein verdrängt und weiter gemacht. Es ging gut ohne sie. Ich war anders geworden. Ich habe auf mich acht gegeben, aufgepasst und über die Jahre habe ich sie vergessen. Wenn ich doch mal an sie dachte, dann freundschaftlich, aber ich dachte selten an Sie.

Obwohl ich die Zeichen hätte bemerken müssen, war es wie ein Messer, dass Sie in mein Herz stach, als ich Sie nach all der Zeit wiedersah. Ich wollte noch wegrennen, doch sie hielt mich fest. Wohin hätte ich auch gehen können? Sie wäre sowieso dabei gewesen - ganz egal wohin ich gegangen wäre. "Hier bin ich! " sagte Sie und lächelte mich an. Wunderschön in ihrem roten Kleid, wunderschön und gefährlich wie sie immer war. "Jetzt tanzen wir" flüsterte sie leise und schloss ihre Finger um meinen Hals. Ich konnte nicht mehr schlucken, wollte schreien, doch es ging nicht. Sie riss mich hoch und ließ mich hart auf den Boden fallen. "Gefällt es dir?" fragte sie mich lächelnd, doch ich war unfähig zu sprechen. Wieder riss sie mich hoch, wirbelte mich durch den Raum, bis mir schwindelig wurde, und ich dachte ich verliere das Bewusstsein. Sie lachte laut auf. "Dachtest du wirklich es funktioniert ohne mich? Dachtest du, du kannst ohne mich leben, so wie du dich verhältst? Ohne auf dich acht zu geben? Anderen den Vortritt zu lassen? Den Vortritt vor dir! Deine Bedürfnisse zu vernachlässigen, damit es anderen besser geht? Dich klein zu machen? Dachtest du wirklich, das geht? " Langsam kam Sie auf mich zu, schlang ihre Arme um meinen Brustkorn und drückte zu. Ich konnte nicht mehr atmen. Fester und fester wurde ihr Griff und ihr lautes lachen dröhnte in meinen Ohren. Ich wollte nur noch weg. Panisch suchte ich nach einem Weg, doch es gab keinen. Keinen Ausweg, kein Entrinnen. Ich hatte Todesangst.

Nicht atmend, nicht schluckend und kurz vor der Ohnmacht hörte ich Sie leise flüstern: "Du kennst den Weg!" Dann etwas lauter, "Du kennst den Weg!" Fast schrie Sie: "DU KENNST DEN WEG! JETZT GEHE IHN!" Und ich sah sie an. Ich sah in ihr Gesicht und sie lächelte. "Endlich! Endlich siehst du mich an." Ihr Griff lockerte sich. Luft! Sie ließ los und ging einen Schritt zurück. Ich zögerte nicht eine Sekunde um ihr zu folgen. Endlich wusste, ich was ich zu tun hatte. Ich verbeugte mich sanft. "Darf ich bitten?", fragte ich. Sie nickte und umfasste vorsichtig meine Hände. Wir begannen zu tanzen. Langsam wiegten wir uns zur Musik. Zu ihrer Musik und zu meiner. Sie streichelte meinen Brustkorb, küsste meinen Hals und meine Stirn und irgendwann sagte sie: „Ich liebe dich mehr als du dich liebst, und ich passe auf dich auf." In diesem Moment brach es aus mir heraus und ich weinte. Ich weinte all die Tränen der Welt. All die Demütigungen der letzten Monate, all die Ängste, all den Schmerz. Sie hielt mich sanft fest. "Weine weiter!", sagte sie. „Weine um dich. Weine darum, dass du wieder nicht auf dich aufgepasst hast. Weine um die Toten und die Trauer, die noch in dir ist. Weine um all das Unglück, aber weine auch um all das Glück. Weine um all das, was passiert ist und vor allem weine, weil du endlich wieder weinen kannst. Denn das heißt, dass du wieder fühlst!"

Wir tanzten lange, die Angst und ich. Sie blieb noch eine Zeit, bis ich wieder genesen war. Sie passte auf mich auf, redete viel mit mir und stärkte mich. Zum Abschied sagte sie: "Vergiss nicht! Man sagt sich immer mehrmals Lebewohl." Ich wünsche mir, dass zweimal reicht, oder dass es, wenn es nötig ist, kürzere Tänze werden. Ich weiß, es liegt an mir, wie oft wir uns wieder sehen. Das es einzig und allein bei mir liegt, wie oft ich noch mit meiner Angst tanzen werde.

- Tanz der Angst-

S. Urbat-Jarren 25.01.2017

Montag, 9. Januar 2017

Seele, Herz und Körper






Irgendwann gibt es vielleicht diesen Menschen, der deine Seele berührt. Mit dem du stundenlang reden kannst und der dich versteht, wie kaum ein anderer zuvor.
Dieser Mensch ist ein Geschenk. Du wirst an und mit ihm wachsen und dich in ihm erkennen, solange es für euch beide gut ist.


Irgendwann gibt es vielleicht diesen Menschen, der dein Herz berührt. Der dir Schmetterlinge schenkt, den du liebst und der dich auf Wolken schweben lässt, der dich aber auch fallen lassen kann. Alle Gefühle die du mit ihm erlebst sind gut und wichtig.
Dieser Mensch ist ein Geschenk. Du wirst an und mit ihm wachsen und dich in ihm erkennen, solange es für euch beide gut ist.


Irgendwann gibt es vielleicht diesen Menschen, der deinen Körper berührt. Der dich Dinge erleben lässt, die du vorher noch nicht kanntest. Der dir Momente schenkt, die du nie vergessen wirst und dich sogar dir selber näherbringt, als du dir jemals warst.
Dieser Mensch ist ein Geschenk. Du wirst an und mit ihm wachsen und dich in ihm erkennen, solange es für euch beide gut ist.


Ganz selten aber gibt es diesen Menschen, der deine Seele, dein Herz und deinen Körper berührt. Solltest du das Glück haben diesen Menschen zu finden, dann sei dir dessen immer bewusst und lasse ihn nie mehr los.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Bücher Bücher Bücher

Ich habe jetzt vor Weihnachten einige Bücher von meinem Verlag geordert.

Seelenband, Winterwunderzauber, Die Geschichte vom kleinen Glück und Kabischubi können also in begrenzter Menge direkt über mich bezogen werden.

So natürlich dann auch mit Persönlicher Widmung:-)

Einfach eine PN oder Email an mich. <3







Mittwoch, 6. Juli 2016


 
Warum schaffen die wenigsten Menschen, den Ex-Partner in frieden und in liebe gehen zu lassen?
Warum erkennen so wenige, dass jedes Ende auch für den verlassenen eine Chance auf ein schönes, neues Leben sein kann?
Warum gesteht man sich nicht ein, dass niemand alleine „Schuld“ trägt?
Warum muss man gierig, falsch und intrigant noch versuchen dem anderen zu schaden?
Warum kann man nicht Dankbarkeit für vergangene, schöne Zeiten zeigen und warum schaffen es so wenige, einem ehemals geliebtem Menschen es gönnen, wenn er glücklich ist?
Warum ist es nicht möglich über seinen Schatten zu springen?
Viele „Warums“ – Antworten nur eine!
 
Merci Herr Poisel

Mittwoch, 22. Juni 2016

Dann bin ich lieber Hund als Baum (für Anna)


 
 
Man kann sich noch so sehr um andere Menschen sorgen, die einem jederzeit ein Messer in den Rücken rammen würden.

Man kann freundlich, verständnisvoll und voller Rücksichtnahme den Menschen gegenübertreten, die einem die Pest an den Hals wünschen.

Man kann lächeln und andere empor heben, nur um sich selber klein zu fühlen.

Man kann Demütigungen und Hetzereien versuchen zu überhören, damit es keinen Streit gibt.

Man kann Neid, Eifersucht und Hass mit Liebe entgegen treten und Intrigen die gegen einen gesponnen werden lächelnd entgegen treten.

All das zeugt von enormer innerer Stärke, ist sehr löblich und benötigt unendlich viel Kraft.

Man kann sich aber auch einfach mal hinsetzen, nachdenken und erkennen, dass man auch nur ein Mensch ist. Seinen eigenen Wert nicht mehr unter einen Scheffel stellen, sich gerade machen und jedem der versucht einem an Bein zu pissen klar sagen:

 
Ab heute bin ich der Hund und du der Baum!




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